ARTIKEL 2022 / I

 


Die Geschichte zu

Roccosound“













Musikalische Wärmestrahlung im Konzertsaal

Das Neujahrskonzert des WJSo im Winterthurer Stadthaus    9.1.2022


Wer Neujahrskonzert sagt, denkt an Johann Strauss. Das Winterthurer Jugendsinfonieorchester (WJSO) aber hatte am Sonntag zum Jahreswechsel 2021/22 – wegen der Pandemie eigentlich im Doppeljahressprung von 2020 zu 2022 – ganz andere Noten auf dem Pult. John Adams! Alfred Felder! Tan Dun! – Partituren, die nicht jeder schon mehr oder weniger im Ohr hat und zum Mitsummen einladen wie der Donau-Walzer. Aber wer da war, und es war trotz weiterhin angespannter Corona-Lage ein sehr gut besuchtes Konzert, erlebte genau das,  was zu dieser Gelegenheit angesagt ist: Elan und Lebensfreude, Begeisterung als Mitgepäck fürs neue Jahr.


Konzertbericht hier

Bild: © Herbert Büttiker

Mozart mit Zertifikat

Das Landestheater Detmold mit „Le Nozze di Figaro“ zu Gast in Winterthur    13.1.2022


Auf der Bühne zeigen sich Figuren, die man in einer Aufführung von Mozarts „Le Nozze di Figaro“ nicht erwartet. Die Präsenz von Puppen und einem „Cherubin d‘amore“ hat im Ursprung antikünstlerische Gründe, prägt dann aber „beiläufig“ die eigenwillige Poesie der Geschichte um den Grafen Almaviva und sein Jus primae noctis, die im übrigen Mozarts Musik diktiert.

Besprechung in „Der Landbote“ vom 15. 1. 2022 und hier im PDF


Bild: © A. T. Schäfer

Klangbilder einer Gegenwelt

Stefan Wirths Violinkonzert im Hauskonzert des Musikkollegiums Winterthur    29.1.2022


Die Geigerin Rahel Cunz gehört als Zweite Konzertmeisterin zu  profiliertesten Mitgliedern des Musikkollegiums Winterthur. Ihr verdankt man die Präsenz etlicher eher exklusiver Violinwerke im Konzertsaal, wozu Alban Bergs Violinkonzert vielleicht, sicher aber der Gattungsbeitrag von Hans Pfitzner gehört. Speziell engagiert sich Rahel Cunz, dies auch als Mitglied des Collegium Novum Zürich, für neues und zeitgenössisches Schaffen. Jetzt machte sie mit dem 2015 uraufgeführten Violinkonzert von Stefan Wirth bekannt, dessen Titel „Through the looking glass“  auf poetische Assoziationen hinweist, die mit Lewis Carrolls Wunderland zu tun haben.


Konzertbericht hier

Gespräch mit Rahel Cunz anlässlich der Aufführung von Alban Bergs Violinkonzert 2015 pdf

Bild: © Herbert Büttiker

Mustergültiges Regiehandwerk

Francis Poulencs „Dialogues des Carmelites“ im Opernaus Zürich  13. 02. 2022


Francis Poulencs Oper über das Martyrium der Karmeliterinnen von Compiègne zur Zeit der französischen Revolution wurde an der Mailänder Scala 1956 uraufgeführt und gilt vielen als letzte wirkliche Repertoire-Oper. Der Blick ins Internet bestätigt gerade für die letzten Jahre zahlreiche Neuninszenierungen. Für das Opernhaus Zürich ist es nach 2004 die zweite. Luzern ging voran, Basel folgte, und die stilistischen Zugänge änderten sich. Als Rückkehr  zu szenischem Realismus, der sich aber zeichenhafte Zuspitzung gestattet,  Texttreue wahrt und ein feines Sensorium für den dramatischen Geist und Rhythmus der Musik zeigt, liesse sich Jetske Mijnssens Arbeit charakterisieren – das Resultat ist mustergültig.  


Besprechung hier

Aus dem Archiv: Kritik der Aufführung im Opernhaus Zürich vom Mai 2004 hier

Bild: © Herwig Prammer

Die Harfe setzt sich in Szene

Konzert des Musikkollegiums Winterthur      23. 02. 2022


Ein Ersatz war notwendig geworden. In der Saison 2020/21 stellte das Musikkollegium seine neue Harfe vor. Für die Saison 2021/ 22 ist nun ein Virtuose dieses Instruments als Artiste in Resonance eingeladen worden, um das ein breiteres Spektrum der Harfenliteratur in Konzert- und Kammermusik zu präsentieren. Für das Konzert mit Musik von Debussy und Tailleferre setzte er sich nun aber mit seinem eigenen Instrument in Szene. 


Besprechung hier

Bild: © Herbert Büttiker

Alfred Hitchcocks „Psycho“ hören

Filmkonzert des ZKO im Kongresshaus Zürich 09.3. 2022


Die  Tonspur der Kinofilme transportiert vieles, Dialoge, Geräusche und Musik. Während die Geräusche und Dialoge selbstverständlich zum Vordergrund der Bilderzählung gehören, hat die Musik zumeist eine hintergründige Aufgabe. Sie für einmal nicht nur wirken zu lassen, sondern bewusst als Musik zu hören und im Raum ihr physische Herstellung zu verfolgen, ist ein spannendes Experiment. Das Zürcher Kammerorchester, das heute Bernard Herrmanns Kompositionen zu „Psycho“ zur Filmprojektion spielt,  lädt dazu ein, dieses Experiment heute am eigenen Leib zu machen.


Mehr dazu im „Tagblatt der Stadt Zürich“ und hier

„L‘Olimpiade“ und eigenwillige Begegnungen

Pergolesis Arien und ein Dokumentarfilm im Opernhaus Zürich 12. 03. 2022


Ursprünglich geplant und vorbereitet wurde schlicht eine Inszenierung von Giovanni Battista Pergolesis Hauptwerk im Bereich der Opera seria. Die Pandemie behinderte das Projekt, der Regisseur David Marton beschloss, nicht eine Corona-konforme Lösung für die Inszenierung zu suchen, sondern ein neues Projekt zu realisieren. Entstanden ist eine filmisch-dokumentarische Arbeit mit Musik“. Sie ist den betagten Menschen gewidmet, ihrem Leben in der Gegenwart und den Zumutungen, die sie bedeutet. Was bedeutet da Musik? Auch die Opernhelden von „L‘Olimpiade“, die ihre Arienauftritte absolvieren, wenden sich dem Film zu, der gesellschaftliche Realitäten nicht besingt, sondern dokumentiert.


Mehr dazu im „Tagblatt der Stadt Zürich“ und hier

Bild: © Herta Prammer

„Kosmos John Adams“

Das Tonhalle-Orchester unter der Leitung des Komponisten 17. 03. 2022


Das Wort Kosmos hat im Falle von John Adams seine Berechtigung. Der Zug ins Weite durch Galaxien, Sternenstaub und an explosiven Himmelskörpern vorbei gehörte zum Abend mit drei allerdings sehr unterschiedlichen Werken. Das Tonhalle-Orchester war sowohl eine PS-starkes Vehikel für die Raserfahrt auf dem Boden wie ein Raumschiff für die kosmische Reise. Es bot eine imponierende Parforce-Leistung von zartester Klangarbeit zu brachialsten Einsätzen. Mit auf der Reise beeindruckte Vikingur Olafsson, der den Solopart des Klavierkonzerts meisterte. Dessen Titel passte zum Abend: „Must the Devil Have all the Good Tunes?“


Mehr dazu hier im PDF

Weitere Bilder hier

Bild: © Herbert Büttiker

Im Zeichen eines rotierenden Gerüsts

„La Traviata“ im Theater St. Gallen 19. 03. 2022


Für die Verdi-Oper hat das Theater St. Gallen hervorragende Protagonisten und eine Bühne, die ihre Auftritte in umständliche  Bahnen zwingt.


Besprechung der Aufführunghier im PDF

„La Traviata“ – eine Werkmonografie (Vorlesung 2015) PDF

Bild: © Ludwig Otah

Ein erotisches Kaleidoskop

Stefan Wirths „Girl witha a Pearl Earring“ im Opernhaus Zürich 3. 3. 2022


Wer kennt nicht das Gemälde von Jan Vermeer, das dem Ruf der Mona Lisa Konkurrenz macht und als Gioconda des Nordens gilt? Das Mädchen hat seinen Zauber und sein Geheimnis. Die Schriftstellerin Tracy Chevalier hat es fantasievoll gelüftet: ein Bestseller; das Kino hat ihn adaptiert: oskarträchtig. Und jetzt die Opernbühne: Stefan Wirth hat „Girl with a Pearl Earring“ für das Opernhaus Zürich komponiert. Was daraus geworden ist und wird? Die Premiere verlief sehr viel versprechend, und auch wenn die Premiere nur der Anfang ist. Das Werk reiht sich erfolgversprechend in jenes „klassische“ Segment ein, bei dem nicht dramatische Gesangsexhibition im Vordergrund steht, sondern der musikalische Apparat aus Orchester und Bühne. Grosse Sängerleistungen sind da gleichwohl gefragt, subtile Kunst der musikalischen Darstellung. Wirth bezieht sich im Interview auf „Pelléas et Mélisande“ (s. u.) und sein luxuriöses Klangwerk evoziert sublimierte und derbe Erotik, die mit dem Leben der Dienstmagd Griet in Vermeers Porträt hinein interpretiert wird.


Besprechung hier im PDF

Link zum Interview von Bruno Rauch mit Stefan Wirth:

https://www.rauchszeichen.ch/post/der-musik-raum-geben

Bild: © Toni Suter

Auftritt in Blau-Gelb – „Allegro“-Jubiläum

Konzert des Musikkollegiums Winterthur  6. / 9. 4. 2022


Ihr Konzertkleid wird vielleicht am nachhaltigsten in Erinnerung bleiben, aber auch ihr musikalischer Auftritt mit „Assonanza II“ einem neuen Werk für Violine und Kammerorchester vom Matthias Pintscher beeindruckte sehr und denkwürdig ist der Einsatz des Dirigenten Jonathan Stockhammer, der das Programm kurzfristig für den von Corona ausgebremsten Komponisten übernahm. Am Jubiläumskonzert des Freundeskreises Orchester Musikkollegium Winterthur, war es dann Jascha von der Goltz der das Pzwei Werke des Programms dirigierte.


Besprechung und weitere Bilder im PDF

Bilder: © Herbert Büttiker

Weitere Bilder zum „Allegro“-Konzert hier

Giovanna d‘Arco und Orleanskaja dewa

eine kontriverse Entscheidung der St Galler Festspiele


Sie behandeln denselben Stoff, aber weder Verdis „Giovanna d‘Arco“ noch Tschaikowskys „Jungfrau von Orleans“ gehören zu den viel gespielten Repertoire-Klassikern der Opernbühne. Die St. Galler  Festspiele, die traditionell Raritäten präsentieren, hatten die Verdi-Oper 2008 auf den Klosterplatz gebracht und planten für diesen Sommer nunTschaikowskys Pendant.

Die Entscheidung,  angesichts der russischen Aggression statt der russischen  die italienische Version zu bieten, mag frappieren, unverständlich ist sie nicht.


Dazu einige Ausführungen (Version vom 25.- Juni) hier

Besprechung der Festspielpremiere vom 24. Juni hier

Die letzte Begegnung mit „Giovanna d‘Arco“ bot sich 2019 im Theater Biel/Solothurn (Besprechung hier) und eine gewisse Ironie erhält im Rückblick die Inszenierung der Scala die Milano 2015 (Besprechung hier) mit einer russischen Titelheldin – Anna  Netrebko, die im Interview freimütig bekannte, die Oper nicht zu verstehen. Besprechung der St. Galler Festspiele 2008 hier.




Bild: Statue der Jeanne d‘Arc in der Dorfkirche von Chenillé Changé an der Mayenne (hb)

Lorenzo Viottis Tonhalle-Debüt

Konzert der Tonhalle Zürich  27. 4. 2022


Wie das zusammengeht? Die grosse Besetzung, die grosse Orchesterparade mit Korngold, Strauss und Ravel für den glanzvollen Einstand eines Dirigenten, dem die grosse Karriere offen scheint, zum einen. Zum anderen ein Konzert, das nicht gedankenlos im Konzertsaal abhebt, sondern weiss, was draussen vor sich geht. Dem 32-Jährigen gelingt mit dem Debüt mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und der lyrische intensiven und virtuosen Geigerin Veronika Eberle an der Seite der Spagat imponierend. 


Besprechung und weitere Bilder im pdf

Aus dem Archiv: nachrauf auf Lorenzos Vater Marcello Viotti pdf

Bild: © Herbert Büttiker

Bild: © Herbert Büttiker

Bild: © Herbert Büttiker

Auftakt zum neuen „Zürcher Ring“

„Das Rheingold“ im Opernhaus Zürich  27. 4. 2022


Zwei Jahrzehnte liegt die letzte Inszenierung von Richard Wagner „Der Ring des Nibelungen“ im Opernhaus Zürich zurück. Man erinnert sich an Hochglanz, an statuarische Helden und an die Maxime Robert Wilsons,  nicht zu interpretieren, sondern darzustellen. Andreas Homokis knüpft an diesen Grundsatz an, aber macht das Gegenteil von Wilson: Wo jener Stilisierung suchte, findet er Lebendigkeit, Spiel, Witz – genauer Umgang mit Text und Musik. Wobei: Kontrolliertes Regiehandwerk bündelt sich aber auch wieder zu einer stilistisch geklärten Aufführung von eigener Phantasie und Präzision, und auch im Kontrast zur opulenten Fantasy-Lichtshow zum Thema an der Fassade des Opernhauses.

Besprechung im pdf

Aus dem Archiv: Zum Thema Wagner in Zürich, diverse Beiträge: pdf

Bild: © Herbert Büttiker

Bild: © Monika Rittershaus

„Die Welt auf dem Mond“ oder alles ist virtuell

Das Interationale Opernstudio Zürich im Theater Winterthur 5. 5. 2022


Dieses Gestirn hat eine lange Umflaufzeit. Vor 25 Jahren war das Opernhaus Zürich mit „Il mondo della luna“ im Theater Winterthur schon einmal zu Gast. Jetzt zeigt uns der Regisseur Tomo Sogao eine Inszenierung des 21. Jahrhunderts. Die inszenierte Mondlandschaft, die wir auf der Bühne sehen ist für die Personen der Handlung dank 3D-Brillen noch um einiges virtueller. Am Einblick  auf den Geist der Haydn-Oper fehlt es möglicherweise so oder so. 

Besprechung im pdf


Zur Erinnerung aus dem Archiv: „Il mondo della luna“ 1997 im Theater Winterthur pdf

Bild: © Herwig Prammer

„Italianità“ zwischen Lebenslust und Melancholie

Das Musikfest „Confluence“ in der St. Anna Kapelle in Zürich  6. 5. 2022


Es gibt sie, die speziellen Formate neben dem klassischen Konzerbetrieb. Der Cellist und Komponist Fabian Müller verbindet unter dem Titel „Confluence“ Volksmusik mit Klassik und die europäische Klassik mit Musik anderer Kulturen. Die Chanson-Sängerin Nelly Patty und das Streichquartett „Sine nomine“ waren Fabian Müllers Gäste für einen italienischen Abend.


Bericht und Porträt (aus dem Archiv 2017) hier im PDF

Bild: © Herbert Büttiker

Die grosse Halle für das grosse Ritual

„Le Grand Rituel“ – Festival des Musikkollegiums in der Industrie-Kathedrale  4. 6. 2022


Unter dem Namen „Concierto de Aranjuez“ eröffnete ein spanisch-lateinamerikanisches Programm das Festival unter dem Motto „Le Grand Rituel“ – ein anregendes, tänzerisch und melodisch sinnliches Konzert, wie sie das Musikkollegium Winterthur sonst auch in seinem Tempel im Stadtzentrum zelebriert. Nun aber bettete sich das gewöhnliche Konzertritual ins grosse ein. Die riesige Fabrikhalle auf dem ehemaligen Sulzer-Areal  umhüllt mehr als einen  grossen Konzertsaal, Platz hat das ganze bunte Leben, wie sich am Eröffnungsabend zeigte.


Bericht hier

Über das Festival „Le Grand Rituel“ hier

Aus dem Archiv „Die Eisengiesserei“ – Konzert im Sulzer-Areal 1996 hier

LE GRAND RITUEL
MUSIKFESTIVAL DES MUSIKKOLLEGIUMS WINTERTHUR

4. bis 18. JUNI 2022


Fotoalbum hier

„LE SACRE DU PRINTEMPS“

Besprechung im PDF hier

Bild: © Herbert Büttiker

Bild: © Herbert Büttiker

„IBERACADEMY ORCHESTER MEDELLIN“

Ein neues Werk für die Reise nach Europa vom Landsmann Juan David Osorio eröffnete das Konzert mit  authentisch südamerikanischem Flair und Feuer. Lateinamerikanische Rhythmik mit der typischen Perkussion prägte dann auch das Harfenkonzert des Argentiniers Alberto Ginastera, das zwischen Tanzfieber und exotischer Nachtstimmung dem Solisten eine vielfältig herausfordernde Palette bietet – .  für Emmanuel Ceysson aber keine, die als mühevolle Hürden hätten erscheinen können.  Der Chefdirigent des jungen Klangkörpers, In der zweiten Konzerthälfte führte ihn Chefdirigent Alejandro Posada durch Tschaikowskys 2. Sinfonie, die mit ihrer elegischen Hornmelodie des Beginns,  dem leichtfüssigen Marsch des zweiten Satzes und dem dramatisch hochgetriebenen Pomp des Finales beeindruckte. Als besonderer Höhepunkt grossartiger Orchestervirtuosität bleibt das hexenhaft burleske Scherzo in Erinnerung. Die vollendete Entfesselung des spielerischen Feuers liess sich die Iberacademy erste recht nicht nehmen, als es mit den Zugaben vom Sinfonie-Schwergewicht aus Russland wieder nach Südamerika ging. Auch für das Publikum gab es da kein Halten mehr.   

Bild: © Herbert Büttiker

„OEDIPUS REX“

Besprechung im PDF hier

Bild: © Herbert Büttiker

GRAND RITUEL – GRAND FINALE


Der letzte Festivaltag stand ganz im Zeichen Strawinskys, für den das „Grand Rituel“ auf die Wege gebracht wurde. Zwei seiner epochalen, dabei vollkommen unterschiedlichen Werke standen auf dem Programm. Am Nachmittag „L‘histoire du soldat“, am Abend dann zum dritten und letzten Mal „Le Sacre du printemps“, nach dem kargen Musik-, Erzähl- und Tanzstück noch einmal die gross besetzte Ballett der „Bilder aus dem heidnischen Russland“. Diese wurden in der Halle 53 zu Bildern junger Menschen von heute, die mit ihrer Choreografie den Nerv der Zeit getroffen, für einen Höhepunkt des Festivals und eine ausverkaufte Dernière gesorgt haben. Wie anders Strawinsky seine Arbeit für die Bühne abseists der glanzvollen Zusammenarbeit mit Sergej Djaghilev  in der Metropole Paris auch sehen konnte, war zuvor mit „L‘hisotoire du soldat“ zu erlenben: Sieben Instrumentalisten statt ein hundertköpfiges Orchester, in der ursprünglichen Fassung eine Tänzerin, ein Schauspieler ,ein Erzähler und eine bescheidene Bühnenausstattung. Eine Wanderbühne war die Vision, die Spanische Grippe die Realität und der Grund, warum es bei der einen Aufführung am 28. Septemer 1918 in Lausanne blieb.


Mitglieder des Musikkollegiums bewährten sich unter der geschmeidig-akkuraten Leitung von Jascha von der Goltz als  ausgezeichneten Interpreten für die so  derb Zupackende wie feinzeichnerische Musik: Rahel Cunz (Violine), Armon Stecher (Klarinette), Valeria Curti (Fagott), Guillaume Thoraval (Trompete), Frédéric Bonvin (Posaune), Norbert Uhl (Schlagzeug) und Kristof Zambo (Kontrabass). Geboten wurde eine erzählerische Fassung: Tausendsassa Graham F. Valentin vereinigte in sich den Teufel, den Soldaten und den Erzähler, und der Spass, den ihm das offensichtlich machte, war auch zum Vergnügen des Publikums. Dass die Geschichte vom Soldaten die Mahnung, sich vor dem Teufel zu hüten, die Moral im lustvollen Fabulieren verpackt, ist ja auch vorgegeben, und musikalisch ist die Hauptsache ist, dass die  Seele, die der Teufel dem Soldaten gegen Reichtum und Macht abluchst, hier die Geige ist. Wenn der Soldat sie zurück erobert und mit seinem Spiel die kranke Prinzessin zum Tanzen bringt, hat das Stück seinen strahlendsten Glanzpunkt, den Rahel Cunz mit souveräner Selbstverständlichkeit in die weite Halle zauberte.


FOTOALBUM „LE GRNAD RITUEL“

Liebe ist durchlässig

„Le nozze di Figaro“ in Opernhaus Zürich 4. 6. 2022

Jan Philipp Glogers Blick auf die Mozart aus der Gegenwart ist durchdacht und zwielichtig: Natürlich ist Almaviva übergriffig und das Volk rebelliert dagegen. Anderseits ist in der erzählfreudigen Inszenierung Susanna dem Grafen doch auch zugeneigt. Mozart habe das komponiert, sagt der Regisseur. Cherubinos „Non so piu cosa son, cosa faccio“ gilt hier offenbar ein wenig für alle Bewohner*innen (die Sternchenlösung muss hier sein) der gräflichen Villa.

Bericht im PDF

Bild: © Herwig Prammer

Jeanne d‘Arc heute

Verdis „Giovanna d‘Arco“ an den St. Galler Festspielen   24. 6. 2022


Wie bringt man die französische Nationalheldin, die das Heer todesmutig und wundersam siegreich gegen die als Invasoren betrachteten Engländer führte, in diesen Tagen auf die Opernbühne? In Verdis „Giovanna d‘Arco“ wird die „Einberufung“ am Beispiel der Jeanne d'Arc als tragisches Schicksal und Hingabe an eine höhere Macht zum dramatisch spannenden Bogen. Die Inszenierung der St. Galler Festspiele bettet ihn in unparteiische Bilder vom Kriegselend überhaupt und legt den Akzent auf die fragwürdige Präsenz von Kirchen- und Staatsmacht. Die polnische Sopranistin ist dazu aber die berührende Titelheldin, wie sie die Partitur vorschreibt und würdigt. Die musikalisch bewegende und bildhaft aktuelle Aufführung auf dem St. Galler Klosterhof erlebte unter aufklarendem Himmel eine erfolgreiche Premiere.

Bericht im PDF

„Warum lieber jetzt nicht“ – Zur Entscheidung des Theaters, anstelle von Tschaikowsky Verdis Jeanne d‘Arc-Oper aufzuführen (neue Fassung) PDF

Bild: © Xiomara Bender

Die Opernkonkurrenz von 1903

„Butterfly“ und „Siberia“ an den Bregenzer Festspielen  20. /21. 7. 2022


Die Bregenzer Festspielen bieten ein umfassendes Programm auf vielen Spielstätten und in mehreren Sparten. Hauptattraktion ist aber die Seebühne und die grosse Inszenierung von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“. Sekundiert wird sie mit der Rarität im Haus: Umberto Giordanos wenig bekannte Oper „Siberia“ über eine Liebesbeziehung, die sich in der unwirtlichen Welt der sibirischen Arbeitslager erfüllt. Die Epoche des “Verismo“ hat facettenreich Blüten hervorgebracht. Bregenz bietet auf der Seebühne das bewegende Seelendrama der Cio-Cio-San mit Aufführungen bis 21. August, das Werk des Komponisten ders „André Chénier“ und der „Fedora“  allerdings nur noch zwei Mal, am 24. Juli und am 1. August.

Bericht im PDF

Bilder: © Karl Forster

Bild: © Herbert Büttiker

Mauro Peter singt Schubert

Rezital mit Schuberts Goethe-Vertonungen in der Andermatt Concert Hall   13. 8. 2022


Wie facettenreich Goethes Lyrik ist und wie kongenial vielschichtig sie Schubert in Musik verwandelt hat, wird erst recht deutlich, wenn starke Interpreten eine so kluge Zusammenstellung aus dem grossen Fundus präsentieren wie eben jetzt der Tenor Mauro Peter und der Pianist Joseph Middleton in der Andermatt Concert Hall. Goethe, der Stürmer und Dränger, der Hymniker, der Bekenner raunender Seelenschwingungen, der süffisante Ironiker, der Meister der Knappheit – dieses Universum der Poesie findet seine Entsprechung in Schuberts Musik und es fand in disem Rezital seine Entsprechung in der Interpretationskunst einer fein abgestimmten Partnerschaft:  Mauro Peter mit der grossen Spannweite seines Tenors und einer Ausdrucksfähigkeit, die Verinnerlichung im intensiven Mezzavoce und den dramatischen Ausbruch kontrolliert und mit einem unerhört wachen Sensorium für die Regungen des lyrischen Ichs in Sprache und Klang; Joseph Middleton, gleichfalls nuanciert und ohne alle Härte  dezidiert im pianistischen Eigenleben und als Begleiter im Hinblick auf Formgebung und Zug des Ganzen. Der eindrückliche Abend war der Schwerpunkt der ersten „Goethe Tage Andermatt“, die künftig jedes Jahr stattfinden sollen.   


Bericht hier im PDF

Eine Fahrt über den Gotthard im August 2021 – Bilder aus dem Fotoalbum hier