Hans-Ulrich Munzinger

 


NEUERSCHEINUNG:


Hans-Ulrich Munzinger

Monsieur Jérôme

Erzählungen und Texte

BoD, Norderstedt, 2019

212 Seiten

Leseproben aus Monsieur Jérôme

Erzählungen und Texte (2014-2019)



Aus: Kant

Immanuel Kant war für Professor Heberlein eine Null. Er hatte diese Meinung, mochten andere denken, was ihnen in den Sinn kam. Der Professor liebte klare Sprache, klares Denken, war Fachmann der Wissenschaft, der Philosophie. Er liebte auch seine Tochter, keine Frage. Ob er ihr eine eigene Meinung zugestand, konnte man schon eher anzweifeln. Jedenfalls, was diesen Kant betraf, blieb er fest wie ein Fels. Immanuel Kant, nein, das kam nicht in Frage. Das war nun wirklich das Allerletzte. Wie konnte seine Tochter so weit kommen, sich von dem Mann dermassen blenden zu lassen, dass es nichts anderes mehr gab auf der Welt! In seinen Augen hebelte dieser Kant alle Gesetze der Vernunft aus. Wenn er doch nur schon tot wäre! Heberlein hatte in die Erziehung seines einzigen Kindes seine ganze Sorgfalt eingebracht. Und jetzt das. Einfach unmöglich. Gegen jede Vernunft. Und zwar rein theoretisch wie auch praktisch. Ohne Logik. Der Mensch das Mass aller Dinge. Was anderes blieb als ohnmächtiges Kopfschütteln? Gäbe es doch, in diesem Fall nur, einzig für diesen einen Fall, einen Gott, der das Unbegreifliche vermeidlich machen und das nicht Passende aus der Welt räumen könnte!
Heberlein war verzweifelt. Sprachlich und philosophisch zweifellos eine Kapazität, fehlte ihm das Gen, das ihn dem einmal Abgelehnten gegenüber hätte öffnen können. Ob es dieses Gen tatsächlich gibt, muss dereinst die Wissenschaft klären. Aber als Vater erfuhr er es: Es blieb ihm nichts erspart. Machtlos hatte er zuzusehen, wie seine attraktive und fein erzogene Tochter Sophia Barbara sich dermassen ernstlich in den Käsehändler aus der Provinzstadt verguckt hatte, dass der sie nun postwendend heiraten wollte. Kant, Immanuel, 30 Jahre alt, Käsehändler, Provinz. Allerdings, Herr Professor, ist Käsehändler doch eine nicht ganz zutreffende Benennung, führte dieser Kant doch erfolgreich einen mittelgrossen Laden, in dem er reichhaltige Produkte verkaufte: Milch, verschiedene Sorten, Käse, eine grosse Auswahl, Joghurt, nach Rezepten vieler Länder, Früchte, Brot. Das kam doch einer Wissenschaft ziemlich nahe, oder nicht? Aber des Professors Meinung war gemacht …


Aus: Die Giraffe fährt Eisenbahn

In der Eisenbahn fahren heisst in unserer Sprache Zug fahren. Was ein Zug ist, weiss jedes Kind. Giraffen nehmen im offenen Wagen Platz. Der Zug fährt rasch und die Luft ist kühl. Wer gross genug ist, sieht lange im Voraus Brücken und Hindernisse auf sich zukommen. Hie und da lässt der Lokführer das Pfeifsignal ertönen. Er ist ganz in schwarz gekleidet, auf dem Kopf trägt er eine kleine Mütze, sie ist ebenfalls schwarz, die ihn vor dem Russ schützen soll.
- Warum pfeifst du?, fragte die Giraffe, ich sehe ja alles weit im Voraus!
Er sei der Lokführer, gibt dieser zur Antwort, er müsse pfeifen, denn er sehe nichts!
- Was? Du siehst nichts?
Die Giraffe nahm sich vor, noch besser zu schauen. Sie hatte ein dickes Tuch um den Hals geschlungen. Als Schutz vor dem Wind trug sie eine Töffbrille.
Der Lokführer aber hatte ein bleiches Gesicht mit einer spitzen Nase, die er in den Fahrtwind hält. Laut pfupfend setzt seine Lok Dampfwolken in die Landschaft.
Aber dann kam ein Tunnel. Der Zug mit der Giraffe hätte keinen Platz gehabt, er hätte unmöglich durchfahren können, ein Glück, stand das Signal auf rot ...


Aus: Tag und Nacht


Die Pension Bellerive lag direkt am See. Madame Governel, eine klein gewachsene, üppig ausgestattete Frau, die wohl von vielen fröhlich verlebten Jahren erzählen konnte, hiess ihn in ihrem Reich willkommen. Sie trug ein farbig gesprenkeltes Kleid. Um den Hals bis über die Brust hatte sie ein Tuch geschlungen, das von einer grossen Brosche zusammengehalten wurde. Pausenlos plappernd und lächelnd, mit wogendem Busen, und mit einem Hintern, von dem man nicht wusste, gehörte er zur Gestalt oder die Gestalt zu ihm, ging Madame Governel durch die Gänge, in den Hüften leicht einsinkend stieg sie die Treppen hoch und blieb schliesslich vor einer grün gestrichenen Tür stehen. Sie lächelte freundlich und liess Anatol eintreten.
Das Zimmer war nicht gross. Anatol gefiel es. Vevey gefiel ihm. Der See, die wunderbare Aussicht, hier liessen sich gute Tage verbringen. Der Termin in Genf käme noch früh genug. Was er denke? wollte Madame Governel wissen. Oh nichts! hatte er geantwortet. Aber doch, sie erinnere ihn an jemanden. Nein, wirklich lachte Madame Governel. Und an wen, wenn man fragen darf? Die Antwort hatte sie erstaunt. Miss Marple hatte Anatol gesagt. War es möglich? Miss Marple in Vevey? Er kannte die Romane seit den längst vergangenen Tagen, als man ihn in der Schule korrigierte: Maapel, Anatol, nicht Marrrrpel! Ma-a-a-pel! Ja, sie war es! Und wie sie sprach! Die Worte wiederholte sie ständig, wie wenn sie es sich zur Aufgabe gemacht hätte, den Gästen das Französische beizubringen. Quelle chance, Monsieur, sagte sie immer wieder. Quelle chance! Il ne restait qu‘une seule chambre … une seule chambre, Monsieur … wieder das Lächeln, … j’espère …
Augenscheinlich erschöpft, fasste sie nach einem Halt, um nicht zu taumeln.


Aus: Morgenrot und Rosenduft

(nach Johann Peter Hebel Drei Wünsche)

….
Die Lichter erloschen. Der ganze Saal lag im Dunkel und Schimmer wie Morgenrot, wenn die Sonne nicht mehr fern ist, überzog alle Wände. Leises Trippeln war zu hören. Aber nicht ein Weiblein, nicht mehr als eine Elle lang, aber wunderschön von Gestalt und Angesicht war erschienen, nein, das Männlein selber, oder war es eine Frau?, trippelte feenartig durch den Raum. Nun löste es sich vom Boden und begann vor aller Augen zu schweben.
Die Seiten des kleinen Büchleins wie Flügel schwenkend, schwebte es über den Köpfen der Leute durch den Saal, und deutlich vernahm man die schönen Worte Ich bin eure Freundin, die Bergfey Morgenrot.
Drei Wünsche dürft ihr tun!, riefen die im Saal empört. Das kennen wir! Der Zauber soll endlich aufhören!
Nein!, hauchte das Männlein Morgenrot. Es war mittlerweile an der Decke des Saales angelangt, von wo es auf Rosenduft zeigte, eine Frau?, oder war es ein Mann?, die sich ebenfalls vom Boden löste und nun durch den Saal schwebte, Morgenrot und Rosenduft, sie hielten sich an den Händen und schwebten über den Köpfen der Leute, und alles war still. Niemand rührte sich. Niemand wagte den leisesten Laut …


Hans-Ulrich Munzinger

1953

Geboren in Solothurn, aufgewachsen in Basel

Musikstudium (Violoncello) in Biel, Zürich, Baden-Baden und Luzern. Studien in Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft (ohne Abschluss)

Konzerttätigkeit als Kammermusiker, als Leiter der Ensembles musica viva basel und Kammerensemble Farandole sowie als Cellist im Ensemble für zeitgenössische Musik Theater am Gleis Winterthur.

Lehrer für Violoncello und Ensemble in Musikschulen in den Kantonen Baselland und Basel-Stadt.

Leiter und Direktor des Konservatoriums Winterthur bis 2014. Seither freischaffend.

Mitarbeit im Schweizerischen Jugendmusikwettbwerb und in Kulturstiftungen. Präsident der Volkshochschule Winterthur und Umgebung.

Moderator der Konzertreihe WINTERKLASSIK. Schreibt Erzählungen, Lyrik, Reden.

Anschrift: humunzinger@hotmail.ch

Hans-Ulrich Munzinger:

Cellist, Moderator, Autor

Schlosshalde, 24. 2. 2019

Bild: hb