Die Geschichte zu

Roccosound“













  17.01.2023

Jeanne d‘Arc heute

Verdis „Giovanna d‘Arco“ an den St. Galler Festspielen   24. 6. 2022


Wie bringt man die französische Nationalheldin, die das Heer todesmutig und wundersam siegreich gegen die als Invasoren betrachteten Engländer führte, in diesen Tagen auf die Opernbühne? In Verdis „Giovanna d‘Arco“ wird die „Einberufung“ am Beispiel der Jeanne d'Arc als tragisches Schicksal und Hingabe an eine höhere Macht zum dramatisch spannenden Bogen. Die Inszenierung der St. Galler Festspiele bettet ihn in unparteiische Bilder vom Kriegselend überhaupt und legt den Akzent auf die fragwürdige Präsenz von Kirchen- und Staatsmacht. Die polnische Sopranistin ist dazu aber die berührende Titelheldin, wie sie die Partitur vorschreibt und würdigt. Die musikalisch bewegende und bildhaft aktuelle Aufführung auf dem St. Galler Klosterhof erlebte unter aufklarendem Himmel eine erfolgreiche Premiere.

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„Warum lieber jetzt nicht“ – Zur Entscheidung des Theaters, anstelle von Tschaikowsky Verdis Jeanne d‘Arc-Oper aufzuführen (neue Fassung) PDF

Bild: © Xiomara Bender

Die Opernkonkurrenz von 1903

„Butterfly“ und „Siberia“ an den Bregenzer Festspielen  20. /21. 7. 2022


Die Bregenzer Festspielen bieten ein umfassendes Programm auf vielen Spielstätten und in mehreren Sparten. Hauptattraktion ist aber die Seebühne und die grosse Inszenierung von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“. Sekundiert wird sie mit der Rarität im Haus: Umberto Giordanos wenig bekannte Oper „Siberia“ über eine Liebesbeziehung, die sich in der unwirtlichen Welt der sibirischen Arbeitslager erfüllt. Die Epoche des “Verismo“ hat facettenreich Blüten hervorgebracht. Bregenz bietet auf der Seebühne das bewegende Seelendrama der Cio-Cio-San mit Aufführungen bis 21. August, das Werk des Komponisten ders „André Chénier“ und der „Fedora“  allerdings nur noch zwei Mal, am 24. Juli und am 1. August.

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Bilder: © Karl Forster

Erinnerung an Katharina Hardy

19. 8. 2022


Die Premiere von Giovanni Battista Pergolesis Oper „Olimpiade“ im  März dieses Jahres gehört zu den eigenartigsten Produktionen des Opernhauses Zürich, aber sie bleibt im Gedächtnis haften. Dabei geht es nicht nur um Pergolesi und seine wenig kohärente Darstellung auf der Bühne, sonder um eine in den Zeiten der Corona-Pandemie geborene Idee des Regisseurs David Marton. Porträts betagter, auch gebrechlicher Menschen im Gespräch über ihr Leben, ihren Alltag und ihre Beziehung zur Musik machten einen wesentlichen Teil seiner Inszenierung aus. Heute ist speziell an das Ehepaar Katharina und Ervin Hardy zu erinnern. Die Violinistin und Musikpädagogin ist am 7. August im Alter von 93 Jahren gestorben, ihr Mann, 101-jährig, zum Witwer geworden. Ihr Schicksal als Überlebende in den Konzentrationslagern von Ravensbrück und Bergen-Belsen hat Katharina Hardy, jüdischer Abstammung, erst in jüngster Zeit öffentlich gemacht. Gerade auch vor wenigen Monaten im Umfeld der Opernpremiere erfüllte sie mit ihrer bewegenden medialen Präsenz eine Mission jenseits der Musik.


Nachruf in „Der landbote“ vom 19. 8. 2022 hier

Besprechung „Olimpiade“ hier

Dokumentarfilm „Zeitzeugen der Zeitzeugen“

© Dokumenarfilm David Marton / Sonja Aufderklamm

Bild: © Herbert Büttiker

Klang und Seele, West und Ost

Konzert des Tonhalle-Orchesters  14. 9. 2022


Die Verbindung von Musik des Japaners Toshio Hosokawa mit Anton Bruckners 8. Sinfonie scheint einem inneren Programm zu folgen. 2010 war es das Cleveland Orchestra, das am Lucerne Festival zusammen mit der Achten ein Werk von Hosokawa präsentierte, der damals den Preis der „Roche Commissions“ erhielt. Man mag den Kontrast der tonalen Architektur als Summe westlicher Musik gegen die Klangwelt zeitgenössischer Orchestermusik in Betracht zihen oder die Seele, um die es in beiden Welten geht.


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Bild: © Herbert Büttiker

Diversity-Theater

Jospeh Bolognes Komödie „Der anonyme Liebhaber“ im Theater  St. Gallen  18. 9. 2022


Eine Aufführung von Joseph Bolognes (Chevalier de Saint-Goeroges) wäre an sich schon ein  ein verdienstvolles Unternehmen. Die Inszenierung überlagert das Stück aber mit der Biografie des dunkelhäutigen Musik- und Fechtgenies im späteren 18. Jahrhundert, und macht den Abend zu einem Plädoyer  für Diversity.


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Klare Bilder und Töne für ein raunendes Werk

„Die Walküre“ im Opernhaus Zürich 18. 9. 2022


Was sich Interpreten an Richard Wagners „Ring“ schon abgearbeitet haben. Mit der „Walküre“ zeigt sich nun noch deutlicher, dass es Homoki mit einem grossartig engagierten  Ensemble und meisterlichem Regie-Handwerk gelingt, die Tetralogie ohne allen Ballast noch einmal frisch anzugehen.

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Rückblick:

„Rheingold“

Aus dem Archiv: Zum Thema Wagner in Zürich, diverse Beiträge: pdf

Bild: © Edyta Dufaj

Bild: © Monika Rittershaus

Mauro Peter singt Schubert

Rezital mit Schuberts Goethe-Vertonungen in der Andermatt Concert Hall   13. 8. 2022


Wie facettenreich Goethes Lyrik ist und wie kongenial vielschichtig sie Schubert in Musik verwandelt hat, wird erst recht deutlich, wenn starke Interpreten eine so kluge Zusammenstellung aus dem grossen Fundus präsentieren wie eben jetzt der Tenor Mauro Peter und der Pianist Joseph Middleton in der Andermatt Concert Hall. Goethe, der Stürmer und Dränger, der Hymniker, der Bekenner raunender Seelenschwingungen, der süffisante Ironiker, der Meister der Knappheit – dieses Universum der Poesie findet seine Entsprechung in Schuberts Musik und es fand in disem Rezital seine Entsprechung in der Interpretationskunst einer fein abgestimmten Partnerschaft:  Mauro Peter mit der grossen Spannweite seines Tenors und einer Ausdrucksfähigkeit, die Verinnerlichung im intensiven Mezzavoce und den dramatischen Ausbruch kontrolliert und mit einem unerhört wachen Sensorium für die Regungen des lyrischen Ichs in Sprache und Klang; Joseph Middleton, gleichfalls nuanciert und ohne alle Härte  dezidiert im pianistischen Eigenleben und als Begleiter im Hinblick auf Formgebung und Zug des Ganzen. Der eindrückliche Abend war der Schwerpunkt der ersten „Goethe Tage Andermatt“, die künftig jedes Jahr stattfinden sollen.   


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Eine Fahrt über den Gotthard im August 2021 – Bilder aus dem Fotoalbum hier

Tragische Kulturgeschichte

„Madama Butterfly“ im Theater Winterthur 23. 9. 2022


Puccinis Gegenwarts-Oper, die er als „tragedia giappones“ bezeichnet, behandelt mit grossartiger Einfühlung das Einzelschicksal einer Geisha, aber dieses steht für den Untergang einer Kult. Das akzentuiert die Heidelberger Inszenierung, die in Winterthur zu Gast ist – und nicht in geringem Mass auch eine Winterthurer Eigenproduktion ist: Das Musikkollegium erweist sich einmal mehr als grossartiges Opernorhester. 

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Bild: © Susanne Reichardt

Erlösungswahn

„Der Fliegende Holländer“ in der Staatsoper Hamburg 23. 10. 2022


Eine Reis wert! Nach Hamburg lockt die Elbphilharmonie, und zur Musik kommt dort auch die spektakuläre Inszenierung, die dem Besucher die imposante Architektur bietet. Die Staatsoper liess einen am Sonntag Abend dagegen ganz auf das Spektakel auf der Bühne fokussieren. Für den  „Fliegenden Holländer“ haben Michael Thalheimer und Olaf Altmann eine Inszenierung geschaffen, die das Stück ganz reduktionistisch hinstellt, aber auch ganz grundsätzlich befragt.


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Bild: © Hans Jörg Michel

Leichtsinn und Revolution

Jacques Offenbachs „Barkouf“ im Opernhaus Zürich   27. 10. 2022


Wäre die Geschichte um den zum Gouverneur ernannten Hund Barkouf nicht absurd, und Offenbarchs ungeheurer Musikbetrieb  nicht schlicht euphorisch und hedonistisch, wäre die erst 2018 erstmals wieder aufgeführte Opéra-comique eine Revolutionsoper. Im Opernhaus ist es alles mögliche, vom Variéte bis zur Grand Opéra und es ist Theater pur.  


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Frauenliebe und Verbrechen

Kammerversion von Saverio Mercadantes „Amletof“ im Theater Stok   28. 10. 2022


Die Oper im Knopfloch hat weder Raum noch Mittel eine Oper in authentischer Gestalt zu präsentieren, aber in der kammermusikalischen Reduktion macht sie auf unbeachtete Schätze aus den Archiven bekannt. Mit Saverio Mercadantes Hamlet-Oper von 1822 knüpft sie an die Produktion von 2018 an. Damals tauchte  Niedermeryers  grosse Oper „Marie Stuart“ im Knopfloch auf. Jetzt zeigte sich mit Geltrude (für Gertrude)  nach Shakespeares „Hamlet“ als eine frühe italienische Variante der Mutter und Königsmörderin im Kellergewölbe des Zürcher Theater Stock. Das Melodramma, das die Primadonna ins Zentrum rückt, macht sie zur Hauptfigur und rückt Hamlet, eine Hosenrolle, an die zweite Stelle.  Das mag unter der Prämisse einer Shakespeare-Oper irritieren, aber die Produktion macht deutlich, dass es sich auf seine Weise im Kern um ein beachtenswertes „Psycho-Kammerspiel“ aus melodischer Dramatik handelt.


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Aus dem Archiv: „Marie Stuart“ PDF

Bild : © Monika Rittershaus

Bild : © Bernhard Fuchs

Kleinbürger- und Weltdrama

„Anatevka“ – Gastspiel des Theaters Hagen im Theater Winterthur 4. 11. 2022


Das Musical von Jerry Bock und Joseph Stein mag vor mehr als sechzig Jahren auf die Broadway-Bühne gekommen sein – Unterhaltungswert und  Botschaft haben nichts an ihrer Originalität und Frische eingebüsst, im Gegenteil – vor allem in der sorgfältigen Inszenierung und starken musikalischen Umsetzung des Theaters Hagen geht es unter die Haut, und es wirkt aktuell, auch wenn seine Gegenwartsbezüge nicht aufgepeppt werden und das jüdische Weltschicksal lange in die Hochzeitskomödie eingebettet ist. Ohne groses Spektakel, aber umso brutaler kommt das Böse auf die Bühne.


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Bild : ©  Björn Hickmann

Leichtes Schwergewicht

Konzert mit Julien Trevelyan (Klavier) und Michael Sanderling (Dirigent)

Musikkollegium Winterthur 9. November 2022


Seine Erscheinung, sein Auftreten widerspricht allem, was das abgenutzte Wort vom «Tastenlöwen» meint und von der «Pranke», die ein Pianisten gemäss Jargon haben muss, der sich an die Rachmaninows, Prokofiews und in diesem Fall eben an das 1. Klavierkonzert von Béla Bartok macht. Der Engländer Julien Trevelyan ist gerade vierundzwanzig geworden, weder ein Athlet noch ein Bühnentiger, so wie er vor dem Publikum steht. Dann aber Bartok: das Klavier als Perkussiosinstrument, der Dialog mit dem Orchester als Schlagabtausch, Klang als Energie. All das führt der junge Mann dann vor. Das Musikkollegium unter der Leitung von Michael Sanderling hält sich nicht zurück, der Solist behauptet sich – dies ohne alles Schwergewicht, eher aus dem Schwung, mit fabulöser Beweglichkeit und mit einer wie selbstverständlich wirkenden mentalen Präsenz, mit der es hier zu agieren und reagieren gilt. Das hatte etwas Bezwingendes, und wie Trevelyan nach der motorisch geprägten Parforce-Tour mit der Chopin-Zugabe den lyriscn-pathetischen Nerv und noblen Klavierklang strömen liess, offenbarte eine berührende weitere Seite des staunenswert begabten Musikers. Dieser spielt, wie man liest, in einem Streichquatett auch die Erste Geige, und neben der Musik hat er Universitätsabschlüsse. 2021 gewann Trevelyan beim Géza Anda Klavierwettbewerb den zweiten Preis, den Publikumspreis und die Auszeichnung für die beste Mozart-Interpretation. Das Zürcher Hochamt des Klaviers hat ihm die hiesigen Konzertsäle geöffnet. Beim Musikkollegium spielt er das Bartok-Klavierkonzert noch zweimal: Heute Abend in der Wiederholung des Abonnementskonzerts vom Mittwoch umrahmt von Werken von Mozart und Richard Strauss voller Musizierfreude und am Freitag im Rahmen der Konzertreihe «Thanks God it's Friday». Herbert Büttiker

Bilder: ©  Herbert Büttiker

Blut oder Nektar

„Carmilla oder Das Zeitalter der Vampire“ im Theater Bern       26. 11. 2022


Schauspiel und Oper im Verbund: Die Bühnen Bern präsentieren ein grosse Projekt, was den Aufwand von Musikapparat und den Ensembles  betrifft, aber auch im Hinblick auf ein Werk, das mit der alten und widergängierischen Vampir-Mythologie eine neue Welt anvisieren möchte. Eine zivilisationskritische und utopische Sicht knüpft der Autor, Textdichter und Komponist Jan Dvorak an die Novelle des irischen Schriftstellers Joseph Sheran Le Fanu und deren Protagonistinnen Camilla und Laura. Während die zur Vampirin emanzipierte Laura von der Mezzsopranistin Amelie Baier opernhaft verkörpert wird, geht Genet Zegay in der Rolle der Laura auf. Anders als in der Novelle wird die junge Frau auf der Berner Bühne am Ende selber zur Vampirin, und im musikalischen Pomp des Finales versichert sie uns, dass den Vampiren die Zukunft gehört. Die Rede dabei ist nicht mehr vom Blut, sondern vom Nektar, mit dem sich Schmetterlinge ernähren. Ob uns das gefällt, ist die Frage, dass „Carmilla oder Das Zeitalter der Vampire“ die Frage mit grosser künstlerischer Potenz stellt, aber nicht.


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Bild : ©  Toni Suter

Don‘t Worry, Be Happy

Zwei Winterthurer Institutionen im gemeinsamen Auftritt   18. 11. 2022


Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – der Philosoph hat auch recht, wenn es um städtische Komponenten geht: Das Casinotheater und das Musikkollegium Winterthur. Im Extrakonzert am Freitag erlebte man die Addition des Komiker-Duos Lapsus und des Dirigenten Roberto Gonzalez-Monjas mit seinem Orchester, und dazu kam der Stimmkünstler Martin O., der mit seinem Loop-Instrument eine ganze Band ist. Alle drei brachten ihre Profession und ihr Können mit, gut für drei Veranstaltungen. Warum nicht an einem Abend ins Konzert gehen, am anderen ins Casinotheater?  Und wo fand der Sandwich-Abend überhaupt statt?


Dass die Einladung da oder dort hingepasst hätte, ist der erste witzige Einfall: Lapsus bittet im ehrwürdigen Stadthaussaal Platz zu nehmen, der Dirigent meldet sich aus dem leeren Casinosaal, und von dort zeigt sich auf dem Handy-Displey auch Martin O. Der Abend beginnt  somit konfus. Also spielt Lapsus mal die ulkige Jodel-Nummer, bis Martin O. per Scooter hereinrauscht und den Begrüssungs-Rap spasshaft in die Länge zieht. Dann endlich, hallo, das Orchester, das sich sogleich mit einer fulminanten Ouvertüre zu «Le Nozze di Figaro» ins Zeug legt und klar macht: auch Klassik kann Kapriolen.


Rasch finden die drei Sparten von der Konfusion zur Fusion. Martin O. kostet die orientalischen Melismen zu Mani Maters bekanntem «Sidi Abdel Assar» aus, und er  fordert das Orchester heraus. Selbst der Dirigent wird genötigt, zur Geige zu greifen – ein Instrument, das Gonzalez ja nicht gleich richtig zur Hand zu nehmen versteht. Für die Nummer auf dem Laufband liefert das Orchester dann den galoppierenden Sound. Das macht so recht deutlich, wie musikalisch die sportiven Gags von Lapsus choreografiert sind.


Der «Cosmophonist» singt auch mal besinnlich «auf den Schultern von Generationen», und das Orchester setzt mit Ravels Pavane pour une Infante defunte ebenfalls einen ruhigen Kontrapunkt zum hyperaktiv-phlegmatischen Comedy-Duo. Mit der Musik zu «Titanic» und «Pirates of the Carebbean» kommt es dank Stimme und Mikrofon zum Spektakel aus Meeresrauschen und Sturm, und es kommt zum Luftgefecht, weil Lapsus nicht anders kann, als wieder auf die Bühne  zu stürmen.


Auf abwechslungsreiche, immer wieder überraschende und witzige Weise finden so die drei so unterschiedlichen Sparten einen gemeinsamen Nenner. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – der Abend war spartenübergreifend und offerierte damit auch ein entgrenzendes Vergnügen: Don't Worry, be Happy, lautete die Zugabe – dem entsprach der fast ewige Beifall. 


Wiederholung im Stadthaus Winterthur am 19. 11. 2022


Fotoalbum hier

Die Bühne als Wunderland

„Alice im Wunderland“ – Familienoper im Opernhaus Zürich   12. 11. 2022


Das junge Publikum will ernst genommen werden, auch wenn es sich um Nonsens handelt. Es soll grosse Oper erleben, ein Orchester mit allen Registern, Chor und Solisten mit bewährten Opernstimmen, die ganze Bühnentechnik mit raffinierter Beleuchtung, mit grossem Ausstattungsaufwand auf der Drehbühne – mit dem ganzen künstlerischen Einsatz eines grossen Teams. Das Opernhaus Zürich hat mit „Alice im Wunderland“ von  Pierangelo Voltinoni und Paolo Madron, die schon mit dem „Zauberer von Oz“  für Zürich glücklich arbeiteten, seinen Anspruch offenbar voll erfüllt: ein eklatanter Erfolg mit einigem Szenen- und grossem Schlussapplaus.


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Aus dem Archiv: „Der Zaubrerer von OZ“ (2016) Der Zauberer von Oz.pdf

Bild : ©  Herbert Büttiker

Bild : ©  Ilko Freese

Kontrastprogramme

Zu zwei Konzerten des Musikkollegiums Winterthur     1. 12. und 23. 11. 2022



Mit Joseph Haydns Sifonie Nr. 90 hat am vergangenen Mittwoch der junge amerikanische Dirigent Jonathon Heyward mit dem Musikkollegium Winterthur das Abonnementskonzert beschlossen, mit Joseph Haydns Sinfonie Nr. 83 hat nun Heinz Holliger das Hauskonzert vom Donnerstag eröffnet. Beides mal war es ein packendes Statement dafür, wie gegenwärtig lebendig die sogenannte «Klassik» heute im Konzert erklingt – im Falle Haydns vielleicht sogar lebendiger als in früheren Epochen: Dass derg-Moll Sinfonie Nr. 83 der Name« La Poule» anhaftet, versteht sich heute nur noch als historisches Missverständnis der elementaren Kraft dieser Musik. Heinz Holliger liess sie spüren, er strahlt mit seinen 83 Jahren auf dem Podium die Energie und den Durchblick für das Zügige Nach-vorn-Musizieren aus und für das Gewicht von Akzenten und sich aufbauender Entwicklung. Für das Hören bedeutete das reine Hingabe, und dies im letzten Programmteil, der Aufführung von Schuberts Sinfonie Nr. 5 noch einmal in glückhaftester Form.


Beide Konzerte, von denen hier die Rede ist, hatten aber auch Schwerpunkte, mit denen das Musikkollegium Winterthur sein Publikum den gewaltigen Sprung zum kompositorischen Schaffen von heute vermittelte. Im ersten war es das Konzert für Horn und Orchester von Wolfgang Rihm, dem Grossmeister der zeitgenössischen Musik, im zweiten war die Schweiz mit dem Doppelkonzert für Violine, Viola und kleines Orchester (2011/12) von Doyen Heinz Holliger im Spiel, dazu auch ein 2008 komponiertes und in diesem Konzert uraufgeführtes Werk des 2013 verstorbenen Altersgenossen von Holliger, Hans Ulrich Lehmann. «‹Contradictions› (James Joyce: ‹viola in all moods and senses› für Viola solo und Kammerorchester» lautet der ausführliche Titel.


Die drei Werke bieten eine breite Palette von dem, was als Komponieren für Sinfonieorchester à jour ist, was sie – im Kontrast zu Haydn, Schubert und all den anderen – vielleicht vermissen lässt und was sie mit der Erweiterung der Klang- und Geräuschszenerie interessant macht. Dass sich darin, wenn auch eher kaleidoskopartig fragmentiert, lyrische und virtuose grosse Schule entfalten kann, zeigten die Solisten, die sich souverän präsentierten: Der Hornist Ben Goldscheider im Werk von Wolfgang Rihm, Jürg Dähler als Solist für Lehmanns Viola-Stück und zusammen mit der Violinistin Hanna Weinmeister für Heinz Holligers Doppelkonzert.


Die ungewöhnliche Aufstellung für dieses Stück mit den Bläsern vor den Streichern und der Harfe am Bühnenrand liess schön verfolgen, wie sehr die herausfordernde Klangarbeit zur selbstverständlichen Kompetenz des Musikkollegiums gehört. Auch der Dirigent und Komponist schien mit dem Klangkörper sichtlich sehr zufrieden zu sein. Herbert Büttiker


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Bilder: ©  Herbert Büttiker

Bilder der Dekadenz – nicht aus dem alten Rom

Francesco Cavsllis „Eliogabalo“ im Opernhaus Zürich       04. 12. 2022


Wenn Calixto Bieito auf dem Spielplan steht, so weiss man es seit langem, kann man das Opernhaus meiden oder sich einem düsteren und abgründigen, abstossenden oder auch nur absurden Bilderreigen aussetzen. Das ist mühsamer bei einem Werk, dessen Erzählung schon lange gemacht ist, leichter, wo es sich der Regisseur mit Neuem beschäftigt. Wer war Eliogabalo“, wer hat von dieser Oper gehört, und wieviel kreative Arbeit ist nötig, um eine nur im skelettartigen Manuskript erhaltene Oper überhaupt auf die Bühne zu bringen? Tatsächlich ist es eine Alternative, statt eine Barockoper zu simulieren, sich die Sache so vorzunehmen. wie Bieito im Programmheft sagt: „Wir kreieren alle gemeinsam eine Oper für heute mit barocker Musik.“ Was Bieito damit bietet, ist allerdings weniger Theater, das Gegenwart abbildet, sondern Theater, das einen heutigen Blick auf den Menschen ins Bild rückt, und Bieitos Blick ist schonungslos offen für das Abgründige im Menschen zu allen Zeiten.


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„Eliogabalo“ ist Calixto Bieitos vierte Inszenierung am Opernaus Zürich. Vorausgegangen sind „Die Soldaten“ von Bern Alois Zimmermann, „Der feurige Engel“ von Sergej Prokofiev und „L‘incoronazione die Poppea“ von Claudio Monteverdi.

Bilder: ©  Monika Rittershaus

Zum Jahreswechsel


Rituale haben zum Glück ein zähes Leben.

Das gilt für die Bräuche der Silvesternacht auch, und deshalb ist auch

der alte Text von 2005 noch immer aktuell – besonders für Musikliebende,

die schon ans Neujahrskonzert denken. Dieses lässt sich zwar jeweils auch ohne Einführungstexte geniessen. Für gewisse Stücke und einfach

im Sinne der Allgemeinbildung (!) ist der folgende Hinweis

vielleicht aber willkommen.


Es gibt übrigens auch eine Moderato-Variante des Entkorkens:

  Allegro und moderato wünsche ich allen Besuchern dieser Seite einen fröhlichen
und besinnlichen Jahreswechsel und für 2023 alles Gute!


Herbert Büttiker

Blut oder Nektar

„L‘equivoco stravagante“ im Gemeindesaal Zollikon       31. 12. 2022


Mit einer orchestral reduzierten Version, aber musikalisch vollblütig macht die Zürcher Kammeroper mit einer selten gespielten grossen Opera buffa von Gioacchino Rossini bekannt, und sie sorgt für ein dem Titel entsprechend „extravagantes“ Vergnügen im Saal der Gemeinde Zollikon. Mit dem aufwendigen und musikalisch sprudelnd reichen Stück hatte der junge Rossini wenig Glück. Es verschwand auf Grund seines als abgeschmackt verpönten Librettos in der Versenkung und wurde erst in den 1970-er Jahren wieder ausgegraben. Zu entdecken ist eine aberwitzige Geschichte um die junge Ernestina, die eher bildungs- als heiratslustig ist, aber bereit ist, dem Parvenu ihre „Materie“ zu vergeben und den „Geist“ ihrem philosophischen Hauslehrer, der ein junger hübscher Mann ist. Mit seinem tenoralen Schmelz und dank einer bizarren Intrige gelingt es ihm schliesslich, ihr Herz aus dem Bildungswirrwarr zu befreien. Die Handlung charakterisiert auch den Komponisten: den Tausendsassa, der in seiner unbändigen musikalischen Spasshaftigkeit auch immer mal wieder die schlichten Herztöne aufblitzen lässt. 


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Die Stimme der Frau

„La voix humaine“ mit Barbara Hannigan und dem Musikkollegium Winterthur      11. 1. 2023


Was Barbara Hannigan ald dirigierende Sängerin und Darstellerin auf dem Dirigentenpodet leistet, ist eine bewundernswerte Allround-Interpretation und ein faszinierndes ästhetisches Ereignis zwischen Konzert und Szene. Francis Poulencs tragischer Heldin in „La voix humaine“ gönnt sie einen Ausgang aus eder unglücklichen Liebesgeschichte: Er führt aufs Dirigentenpodest, wo sie mit männlichen Kollegen auf gleicher Höhe steht. 


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Bild: ©  Herbert Büttiker

Klänge zum Jahresbeginn

Das Winterthurer Jugendsinfonieorchester im Stadthaus       15. 1. 2023


Zwei Flöten eröffnene Bedrich Smetanas „Moldau“ – mit den beiden srprudelnden Quellen beginnt der Lauf des Flusses durch die tschechischen Lande und eine Musik, die das weite Strömen und auch die Dramatik wilder Wasser schildert. Dies als Ausblick auf ein eben begonnenes Jahr interpretieren, darf jeder für sich selber. Das Winterthurer Jugendsinfonieorchester  eröffnete mit dem berühmten Stück sein Neujahrskonzert, das dann mit Musik von Nino Rota und schwungvoller Ballettmusik von Alexander Glasunov auch fern der Wiener Walzerseligkeit traditionelle Neujahrskonzertstimmungen einschloss.


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Bild: ©  Herbert Büttiker

Liebe ist alles und hat keine Chance

„West Side Story“ im Theater 11       17. 1. 2023


Leonard Bernsteins „West Side Story“ ist ein Jahrhundertwerk des 20. und auch für das 21. Eine Neuproduktion braucht nicht viel anderes zu sein als eine Reproduktion mit neuen frischen Kräften. Und diese begeistern jetzt, allen voran Melanie Sierra als Maria an der Spitze eines starken Ensembles, das mit dem Kreativteam aus New York kommt und in München die Inszenierung für die Europa-Tournee erarbeitet hat. Das Theater 11 ist n die zweite Station der atmosphärisch und emotional dichten und berührenden Aufführung, die dem archetypischen Liebespaar gemäss Shakespeares Vorgabe keine Chance lässt, aber die Liebe als grosse Hoffnung der Menschheit und Utopie einer besseren Welt aufscheinen lässt. 


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Aus dem Archiv: „West Side Story“ im Theater 11 2016 PDF